Russland und Afrika: Putins kalkulierte Beziehungen

Putins Regierung hat es in den vergangenen Jahren geschafft, enge wirtschaftliche und sicherheitspolitische Beziehungen zu zahlreichen afrikanischen Ländern wie Ägypten, Libyen, Mali und der Zentralafrikanischen Republik zu etablieren. Zwar bewegt sich das russisch-afrikanische Handelsvolumen insgesamt auf einem überschaubaren Niveau, doch hinterlassen Putin und seine Gefolgschaft im neuen „Scramble for Africa“ proaktiv einen Fußabdruck auf dem Kontinent.

Russian President Vladimir Putin, right, shakes with President of the Central African Republic Faustin Archange Touadera during a welcome ceremony of the Russia-Africa summit in the Black Sea resort of Sochi, Russia, Wednesday, Oct. 23, 2019. (AP Photo/Sergei Chirikov, pool photo via AP
© picture alliance/AP Photo | Sergei Chirikov

„Wir müssen unsere Heilung von der Asche toter Empires in einer Weise abschließen, die uns nicht in neue Formen von Herrschaft und Unterdrückung zurückwirft. Wir lehnten Irredentismus und Expansionismus ab, auf jeder Basis, auch rassisch, ethnisch, religiös oder kulturell. Wir lehnen es auch heute ab.“

Es waren vor allem die Worte des kenianischen Botschafters vor den Vereinten Nationen am Vorabend des Kriegsausbruchs, die als afrikanischer Standpunkt in den sozialen Netzwerken und darüber hinaus wahrgenommen und gefeiert wurden. Doch so eindeutig wie Martin Kimani äußerten sich nur wenige Regierungsvertreter. Im Gegenteil: Muhoozi Kainerugaba, Offizier und Sohn des langjährigen ugandischen Diktators Yoweri Museveni, erklärte auf Twitter, dass die Mehrheit aller nicht-weißen Menschen Russlands Haltung in der Ukraine unterstütze. Und Lindiwe Zulu, die südafrikanische Ministerin für soziale Entwicklung, stellte in einem Interview fest, dass Russland ein Freund durch und durch sei.

Putins Regierung hat es in den vergangenen Jahren geschafft, enge wirtschaftliche und sicherheitspolitische Beziehungen zu zahlreichen afrikanischen Ländern wie Ägypten, Libyen, Mali und der Zentralafrikanischen Republik zu etablieren. Zwar bewegt sich das russisch-afrikanische Handelsvolumen insgesamt auf einem überschaubaren Niveau, doch hinterlassen Putin und seine Gefolgschaft im neuen „Scramble for Africa“ proaktiv einen Fußabdruck auf dem Kontinent.

Im ersten Wettlauf um Afrika im 19. Jahrhundert wurde der Kontinent unter europäischen Kolonialisten aufgeteilt und von diesen geplündert. In einer zweiten Phase während des Kalten Krieges buhlten die Sowjetunion und der Westen um die Gunst der afrikanischen Staaten – sei es durch die militärische Unterstützung von Diktatoren und Despoten oder großzügige Hilfszahlungen im Rahmen einer vermeintlichen Entwicklungszusammenarbeit.

Im heutigen dritten „Scramble“ kämpfen China, der Westen und verstärkt auch Russland sowie die Türkei um die besten diplomatischen Beziehungen zu den 54 afrikanischen Staaten. Denn immer mehr Akteure haben erkannt, dass Afrika der Kontinent der Zukunft ist. Nicht zuletzt wegen seines wachsenden Anteils an der Weltbevölkerung, den zahlreichen Investitionsmöglichkeiten und einem immensen Rohstoffreichtum wächst das Interesse an Afrika seit Jahren.

Unter Wladimir Putin hat die russische Regierung eine spezifische Strategie entwickelt, um in diesem neuen Wettbewerb Gelände zu gewinnen. Während China vielen afrikanischen Staaten Milliardeninvestitionen in deren Infrastruktur bei gleichzeitiger - vermeintlicher - Nichteinmischung in interne Angelegenheiten verspricht und der Westen auf Entwicklung, Klimaschutz und politische Reformen setzt, sendet Russland Waffen, Kampftruppen und Wagner-Söldner in afrikanische Failed States. Fast die Hälfte der Waffenimporte nach Afrika kommen laut offiziellen und unabhängigen Angaben aus Russland – das sich im Gegenzug Rohstoffkonzessionen und diplomatische Unterstützung von Staaten wie Mali und der Zentralafrikanischen Republik sichert.

Russlands Afrika-Strategie zielt darauf ab, strategische Lücken zu nutzen, die der Abzug des Westens aus isolierten afrikanischen Ländern hinterlässt. Regierungen dieser oftmals gescheiterten Staaten nehmen die Hilfe Russlands gerne an, um in den gewaltsamen Konflikten schlagkräftig agieren und oppositionelle Gruppierungen ausschalten zu können. Dass das Engagement Frankreichs und anderer europäischer Staaten durch die koloniale Vergangenheit massiv vorbelastet ist, spielt den russischen Regierungsvertretern zusätzlich in die Hände, können sie sich dadurch als „Anti-Kolonialisten“ mit integren Motiven inszenieren.

Hinzu kommen die oftmals engen historischen Verbindungen Russlands bzw. der Sowjetunion zu vielen afrikanischen Staaten. Solche Verbindungen bestehen zu Ländern wie Angola und Mosambik, die einige Zeit lang sozialistisch regiert wurden. Zahlreiche afrikanische Bewegungen wurden im Kampf gegen den Kolonialismus durch die Sowjetunion aktiv unterstützt. Im Sudan, im Kongo und in Somalia erhielten Parteien in blutigen Bürgerkriegen von der Sowjetunion (und vom Westen) diplomatische und militärische Hilfe – auch daran mag sich manch einer mit Wohlwollen besinnen.

Zur südafrikanischen Regierungspartei ANC, deren Führer teilweise in der Sowjetunion für den Kampf gegen das Apartheidregime militärisch ausgebildet wurden, pflegt die russische Regierung traditionell enge Beziehungen: Nur wenige Stunden nach dem Angriff auf die Ukraine nahm die südafrikanische Verteidigungsministerin an einem Empfang der russischen Botschaft zu Ehren des russischen Militärs teil.

Entsprechend zurückhaltend reagierten viele afrikanische Regierungschefs auf die Eskalation des Konflikts. Als die Vereinten Nationen darüber abstimmten, ob sie Putins Invasion in der Ukraine verurteilten sollten, enthielten sich zahlreiche afrikanische Staaten oder blieben der Abstimmung fern. Dass sich keine einzige afrikanische Regierung dazu bereit erklärt hat, Sanktionen gegen Russland mitzutragen, verwundert kaum.

Auch das geringe Interesse der Bevölkerung in vielen afrikanischen Staaten trägt nicht dazu bei, dass sich afrikanische Regierungen auf diplomatischer Ebene proaktiv in den Krieg einmischen. Probleme wie steigende Kosten für Nahrungsmittel, Dünger, Benzin und Gas, Bürgerkriege und die Covid-Pandemie überlagern das Interesse der Menschen an Konflikten in anderen Regionen der Welt.

Dass der Angriff Russlands auf die Ukraine diese Entwicklung begünstigt und mittelfristig dramatische Auswirkungen auf den Lebensstandard und die Versorgung mit Nahrungsmitteln in Afrika haben kann, wird hauptsächlich innerhalb bildungs- und politiknaher Kreise diskutiert. Nur wenigen Menschen ist bewusst, dass afrikanische Staaten jährlich Agrarprodukte im Wert von 2,6 Milliarden Euro aus der Ukraine importieren. Die indirekten Folgen des Krieges werden wohl auch viele Afrikanerinnen und Afrikaner am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Russland wird viel dafür tun, sich in diesen Ländern als Retter der vom Westen geknechteten Bevölkerungen zu inszenieren. Der international weitgehend isolierte Sudan kann sich – anders als andere Staaten in diesen Zeiten – über russische Getreideexporte freuen. Im Herbst soll in St. Petersburg eine große Konferenz über die russisch-afrikanischen Beziehungen stattfinden – zu der wohl zahlreiche afrikanische Staatschefs anreisen werden, um über neue Waffendeals und Rohstofflieferungen zu verhandeln.

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